Werkschau Monika Treut

Es fällt mir nicht leicht, aus 32 Jahren Arbeit als Autorin, Regisseurin und Produzentin und den 17 Filmen eine Auswahl von vier zu treffen. Die folgenden vier ausgewählten Filme sind mir besonders nah.
Es hat mich atemlos von den Vereinigten Staaten über Kanada nach Mexiko, Neuseeland, Brasilien, Taiwan und fast überallhin in Europa getrieben. Und so ist es passiert, dass mit den Jahren die Filme selbst meine wahre Heimat und ihre Protagonist/-innen meine Familie geworden sind.

Als ich in den frühen 1980er-Jahren anfing, Filme zu machen, gab es in Europa noch keine lesbisch-schwulen Filmtage, keinen Teddy der Berlinale, keine Vorstellung von „Queer Cinema“. Meine ersten Filme stiessen damals auf erheblichen Widerstand, vor allem im männlichen Lager des etablierten deutschen Films. Der erste Spielfilm entstand in enger Kooperation mit meiner langjährigen Partnerin, der Kamerafrau und Regisseurin Elfi Mikesch. Bei der Uraufführung auf der Berlinale 1985 gab es Tumulte und aggressive Reaktionen. Als drei Jahre später mein zweiter Film Die Jungfrauen Maschine – die Story einer naiven Hamburger Journalistin, die auf der Suche nach romantischer Liebe mitten in der Lesbenszene von San Francisco landet – auf einem anderen deutschen Festival komplett durchfiel, hatte ich genug von der Ablehnung in meinem Heimatland.

In den USA war das anders: Da hatten sich die „gay & lesbian film festivals“, wie sie damals noch hiessen, bereits etabliert. Und dort waren meine Filme willkommen. Also flüchtete ich und lebte vier Jahre in New York, machte dort unter abenteuerlichen Umständen und wieder mit kleinem Budget zwei weitere Filme, ehe ich wieder in den Heimathafen Hamburg zurückkehrte. Eine kleine Atempause, bevor ich dem Sirenengesang aus Hollywood erlag, ein Filmstudio lud mich zur Zusammenarbeit an einem Spielfilm ein. Schwamm drüber. Eine weitere Erfahrung mit der dortigen Filmindustrie möchte ich nicht machen. Ich wendete mich der dokumentarischen Form zu, weil sie unabhängig und noch kostengünstiger zu realisieren ist. Unter anderem drehten wir 1998 Gendernauts in San Francisco, einen der ersten langen Dokumentarfilme über Transmenschen mit dem Schwerpunkt auf „female to male transsexuals“.

Um die Jahrtausendwende änderte die Digitalisierung die gesamte Produktionsweise im Filmgewerbe. In San Francisco und New York schritt bereits die Gentrifizierung voran. Mitten in der Sinnkrise lernte ich eine kämpferische Frau in Brasilien kennen: Yvonne B. de Mello, die mit unbändiger Energie gegen die Verrohung der Verhältnisse ankämpfte. In den Slums von Rio hatte sie – zwischen Drogenbanden und korrupten Polizisten – eine Oase für traumatisierte Straßenkinder aufgebaut. Über ihr Projekt drehte ich im Jahr 2000 den ersten Film in Brasilien und 15 Jahre später folgte Zona Norte, ein Wiedersehen mit den nun erwachsenen Straßenkindern von damals.

Von 2002 bis 2011 trieb mich die Filmarbeit nach Taiwan, wo ich vier Filme realisierte, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Zurück in Hamburg besann ich mich auf meine frühe Liebe zu den Pferden und bekam von meinem Verleih, der Edition Salzgeber, die Möglichkeit, einen weiteren Lowbudget-Spielfilm zu realisieren, diesmal in Nordfriesland. Das war vielleicht der entspannteste Film, den ich jemals drehen durfte. Wir, das kleine Filmteam, lebten drei Wochen zusammen mit den Schauspielerinnen und den Pferden auf einem Bauernhof in der Mitte von nirgendwo. Diese intime Qualität strahlt der Film Von Mädchen und Pferden aus und vermittelt eine Entschleunigung des Lebens in der Hektik unseres durchdigitalisierten Alltags.

(Monika Treut)

05.11. | 17:00 | Hauptsitz
Gespräch mit Monika Treut

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